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UPA2010 – Die Usability-Branche im Umbruch

Posted in Fachliches by arnekittler on Mai 30, 2010

Ende Mai fand in München im Hotel Bayrischer Hof die internationale Konferenz der Usability Professionals Association statt. Es war das erste Mal, daß die Veranstaltung des ursprünglich US-amerikanisch gegründeten Weltverbands außerhalb der USA stattfand – eine Entwicklung, die Hand-in-Hand geht mit der Wahl der Schweizerin Silvia Zimmermann als erster nicht-amerikanischer Verbandspräsidentin vor ca anderthalb Jahren.

Für mich hat die Teilnahme an UPA-Konferenzen immer etwas von einer sehr angenehmen Außenperspektive. Ich war einige Male auf der deutschen UPA-Konferenz, einmal auf der europäischen und jetzt zum ersten mal auf der internationalen Konferenz. Jeweils mit eigenen Vorträgen. Da ich im Gegensatz zu den meisten Teilnehmern qua Jobbezeichnung kein echter “Usability-Professional” bin und inhaltlich auch tatsächlich nur einen kleinen Teil meiner Zeit mit Usability im engeren Sinne verbringe, fühle ich mich auf gewisse Art immer etwas als Exot unter den anderen Teilnehmern, die überwiegend aus dem akademischen Umfeld kommen oder bei spezialisierten Dienstleistern wie UID arbeiten. Angenehmerweise habe ich mich in der UPA-Szene aber immer sehr angenehm aufgenommen gefühlt und inzwischen viele meiner Lieblings-Branchenkontakte auf eben diesen UPA-Treffen kennengelernt. Trotzdem meine ich auch weiterhin eine gewisse externe Sicht auf die Dinge beibehalten zu haben und aus der schreibe ich diesen Eintrag: Im ersten Teil möchte ich dabei ein paar generelle Überlegungen zur UPA Konferenz und der UPA anstellen, im zweiten Teil geht es dann um konkrete Inhalte der diesjährigen Konferenz.


1. Gesamteindruck
Mein Eindruck ist, daß die internationale Usability-Szene dabei ist sich generell umzuorientieren. Dies kommt einerseits in der o.g. internationalen Öffnung der ursprünglich amerikanisch dominierten Szene zum Ausdruck, auf die die UPA mit einer globaler angelegten Verbandsneustrukturierung reagieren wird (-> mehr dazu im Podcast mit Silvia Zimmermann).
Vor allem kommt es aber an der thematischen Verlagerung der Vorträge zum Ausdruck: Während in den letzten Jahren zunehmend User Experience (UX) Usability als primäres Konzept abgelöst hat und inzwischen kaum noch jemand von (primär task-orientierter) Usability spricht, deutet sich seit etwas zwei Jahren eine weitere Veränderung an: Die Usability Professionals (inkl. der Konzepter, IAs und Researcher, die auch dazu gehören) streben nach Höherem, Grundsätzlicherem. Es geht nicht mehr nur um die nutzer(erlebnis)ausgerichtete Entwicklung von Produkten und Schnittstellen/Interfaces, sondern um Ansätze zur generellen Gestaltung von Unternehmen und Lebensumständen, abgeleitet von einem tiefgehenden Blick auf den Mensch im Zentrum.
Das äußert sich einerseits in Vorträgen zu Themen wie Design Thinking, Design for Happiness oder Design for Delight (s.u.), andererseits auch an Überlegungen dazu, welche Veränderungen in Unternehmen vonnöten sind, um eine rundere, kundenorientierte Multichannel-Präsenz einer Marke zu entwickeln. Ich finde das sehr spannend und traue den Personen, die diese Themen auf den UPA-Konferenzen (oder auch ähnlich ausgerichteten Veranstaltungen wie der IA-Konferenz) besetzen auch wirklich zu, hier substanzielle Beiträge zu leisten – es fehlt im Augenblick m.E. aber an dem großen Schritt raus aus der geschlossenen Szene, in der sich ohnehin alle einig sind, wie wichtig der Mensch im Mittelpunkt ist.

Bei der UPA-Konferenz musste ich mehrmals an James Kahlbachs Feedback zu meinem Vortrag “Modulare Markenarchitektur” von der IA-Konferenz 2009 denken, der (zu Recht!!) meinte, in dem Rahmen sei das doch Preaching to the converted gewesen. Ähnliches ließe sich auch über viele der weiter gedachten Beiträge der UPA-Konferenz sagen.
Wie kommt man also aus dem harmonischen UX-Kreis raus mit diesen Themen und schafft es, die entsprechenden Leute auch in die Position zu versetzen, mehr aus ihren guten Ideen zu machen?
Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht, ich glaube aber, es hat im Falle der UPA-Konferenz auch etwas mit dem Konferenzformat zu tun.
Die Konferenz in München war eine hochprofessionell organisierte, äußerst sympatische Veranstaltung, die neben vielen guten Vorträgen auch reichlich Gelegenheit zum Networken bot. Alles also eigentlich super und in sofern auf jeden Fall eine gelungene Veranstaltung.
Woran man aber m.E. arbeiten könnte und sollte sind zwei Dinge: Dynamik und eine Öffnung.
Durch extrem lange Einreichungsfristen mit fast einem Jahr Vorlauf, schriftlichen Proceedings usw. ist es kaum möglich, aktuelle aber durchaus relevante Themen mit ins Programm zu nehmen. Eine iPad-orientierte Präsentation hätte anläßlich des zeitgleichen Verkaufsstarts in Deutschland perfekt gepasst und sicher alle interessiert – aber SO visionär, dass jemand im August 2009 schon ein entsprechendes Thema hätte einreichen können sind selbst die fittesten UPA-Referenten nicht.
Die andere Sache ist die der Öffnung für ein breiteres Publikum. Hierzu muß ich nochmals wiederholen, daß die Veranstaltung selbst und auch die Anwesenden absolut zugänglich auch für Externe wie mich sind und ich wirklich immer sehr gut aufgenommen und integriert wurde. Trotzdem ist die Veranstaltung offenbar für einen breiteren Kreis von Leuten offenbar nicht hinreichend attraktiv genug, was sich z.B. darin äußert, dass trotz thematischer Relevanz nur eine Handvoll Vertreter der einschlägigen Interactive-Agenturen teilnehmen. Ein Grund hierfür könnte darin liegen, daß die UPA-Veranstaltung per Titel zu sehr als Verbandskonferenzen rüberkommen und mit Verbandstreffen, Lifetime-Achievement-Awards usw. auch allerlei Formate im Programm haben, die zum typischen Verbandswesen gehören und für Verbandsfremde vermutlich eher abschreckend wirken (-> auch hier sei gesagt: die Verbände stehen grunds. allen offen, ich selbst bin inzwischen auch Mitglied der UPA und des German Chapters der UPA). Hier sehe ich die UPA in zunehmenden Wettbewerb zu anderen, weniger Verbandsmässig organisierten Gruppierungen und Veranstaltungen wie der IA-Konferenz, ixDa oder auch dem heute zu Ende gegangenen UX-Camp in Berlin und bin gespannt, wie sich die Ausrichtung des Veranstaltung und des Verbandes gestaltet. Auf einer Podiumsdiskussion bei der UPA-Konferenz wurde dann offenbar auch genau hierüber sowie über mögliche Fusionen der Verbände zu einem größeren Ganzen diskutiert – soweit ich es verstanden habe aber bislang ohne konkrete Ergebenisse. Da mein eigener Vortrag zeitgleich stattfand, konnte ich leider nicht teilnehmen.
Ich denke es bleibt spannend zu beobachten, wie die Usability-Branche und die UPA als ihr größter Verband dem berechtigtermaßen breiter angelegten Anspruch in Zukunft gerecht wird.


2. Konkrete Inhalte
Die Slides vieler Präsentationen werden dieser Tage auf Slideshare hochgeladen, leider fehlen die aus meiner Sicht besten Präsentationen bisher noch.

Ein paar Eindrück von den Präsentationen, die ich besucht habe (die eigentlichen Slides ergänze ich sobald sie da sind):

Aaron Cheang (Google): Google Wave
Auch wenn ich am Ende des Vortrags immer noch kein konkreteres Bild hatte, wie ich Wave sinnvoll für mich einsetzen möchte, hat mir der Vortrag unter Cheangs Fragestellung gefallen, wie man “disruptive technologies” (oder welche, die es wie Wave noch werden wollen) entwickelt. Interessant in diesem Zusammenhang auch seine Erläuterungen dazu, wie sich das Wave Projekt für das interne Projektteam in unterschiedlichen Stadien des Hype-Cycles darstellte und welche Rolle Cheang als UX-Designer (oder so) dabei spielte.
Interessante Aussagen (sinngemäß):
- Manchmal ist es als UX-Person in diesen Projekten am besten sich zurückzuhalten und das übrige Team sich selbst finden zu lassen.
- Auch nach 5 Jahren haben wir immer noch Schwierigkeiten zu beschreiben, was genau Wave eigentlich ist.
Verwandter Blogeintrag
Podcast-Interview mit Aaron Cheang


Sarah Weise (Booz Allen Hamilton): Express Usability


Auch wenn “Express” Usability bei Weise (anders als bei eparo) bedeutet, in ca 1 Woche zu Ergebnissen zu kommen, fand ich einige pragmatische Aussagen in ihrer Präsentation richtig und vor allem die von ihr vorgestellte Grundherangehensweise interessant: Booz Allen Hamilton halten offenbar eine Art “Menü” von Leistungen in den Bereichen Analyse, Datensammlung und Ergebnisformaten bereit, aus dem sie dann kurzfristig Pakete schnüren. Was Analyse-Tabellen z.B. für Expert-Analysis angeht, arbeiten sie mit XLS-Tabellen, in denen die typischen Probleme wie z.B. “Navigationsbegriffe nicht verständlich” schon drinstehen und löschen dann nur noch die nicht zutreffenden Punkte.
Podcast-Interview mit Sarah Weise

Pieter Desmet (Delft University of Technology): Design for Happiness
Bester Vortrag aus meiner Sicht, aber ohne die Slides extrem schwer wiederzugeben. Mehr Info folgt also.
Link zu Pieter Desmet


Amy Cueva/Megan Grocki (Mad*Pow): Designing for a Multi-Channel Experience

Sehr glaubwürdiger Vortrag über die Arbeit von Mad*Pow für Multi-Channel-Projekte, bei denen der gewichtigste Teil ihrer Arbeit eigentlich im Einfluß auf die Prozesse und die Organisationsform der Auftraggeber lag. Multichannel ist nicht primär eine Kommunikationsaufgabe, sondern Ausdruck einer entsprechenden Ausrichtung der Kundenorganisation.

Sylvia Le Hong/Daniel Mauney (UID/Human Centric): Cultural Differencers and Similarities in the Use of Gestures on Touchscreen User Interfaces
Detaillierte Ergebnisse einer Grundlagenstudie, die aber leider vor allem ergab, daß weitere Forschung nötig ist, um die kulturellen Unterschiede näher greifbar zu machen. Der einzige greifbare Unterschied ist eine höhere affinität zu komplexen Gesten in China – viele andere festgestellte Unterschiede sind primär der jeweiligen Device-Erfahrung der Nutzer geschuldet. Die angesetzte Methodik mit nicht-reagierenden Oberflächen vernachlässigt nach meiner Einschätzung auch einen (in kultureller Hinsicht) essentiellen Aspekt des Gerätefeedbacks.

Tom Bieling/Stefan Göllner (Deutsche Telekom Labs): Dealing with Difference
Eindrucksvoll, wie die Telekom sich in z.T. sehr freien und spannend konzipierten Projekten mit Grundlagen zukünftiger Kommunikation beschäftigt. In diesem Fall vor allem der Frage, welche Impulse aus einer Betrachtung vom Durchschnitt abweichenden Nutzergruppen (von körperlich Behinderten über Kinder mit Migrationshintergrund bis zur digitalen Mediennutzung alter Menschen) gewonnen werden können. Die Präsentation war nicht das erste Mal, dass die T-Labs mir mit wirklich guten Arbeiten aufgefallen sind, ich bin gespannt, wann es der Telekom selbst auch gelingt, die mit derartigen Projekten angestrebte Innovationskraft auch spürbar “auf die Strasse” zu bringen und nicht mehr als träger Konzertn wahrgenommen zu werden.

Giles Colborne (cxpartners): Design for Delight

Interessante Überlegungen zum Umgang mit Ängsten/Sorgen (Anxiety) als essentiellem Faktor beim Design von delightful experiences, oder anders: Es geht darum, die zentralen kritischen Faktoren zu kennen und mit ihnen konstruktiv umzugehen. Zappos schafft es nach Aussage von Colborne auf diesem Wege mit extrem hohen Preisen durchzukommen, weil sie den Aspekt des kostenlosen und unkomplizierten Zurücksendens und der positiven Servicehaltung perfektioniert haben.


Dario Buzzini (IDEO): Change, Impact & Optimism

Die Abschlußpräsentation der Veranstaltung war für mich etwas enttäuschen, da Buzzini eigentlich nur eine Reihe von IDEO-Cases vorstellte und es ihm dabei nicht gelang, die beabsichtigen übergeordneten Themen dahinter adäquat rüberzubringen. Ein sehr spannender und mir noch nicht bekannter Case war ein Geldautomat für die spanische Bank BBVA. Insgesamt (trotz wirklich schön gestalteter Slides, Showreelfilme mit Postrock usw.) aber einfach nicht der erwartete Knaller zum Abschluss.

Einige sehr gründliche Zusammenfassungen vieler der Vorträge, die ich selbst nicht gehört habe, hat Lorraine Paterson zusammengestellt:
Tag 1
Tag 2

Zum Abschluß noch meine eigene Präsentation:
Arne Kittler: The Amazonization of Global E-Commerce User Experience

Diese Präsentation war eine Art Rundumschlag dreier meiner langjährigen Lieblingsthemen. Mehrere Zuhörer sagten mir anschliessend, ich hätte mit dem Thema Amazonisierung bei Ihnen einen Nerv getroffen, was mich natürlich freut. Bei zukünftigen Präsentationen werde ich mich vermutlich trotzdem wieder eher auf einzelne Themen fokussieren und diese tiefergehend vorstellen.
Nach meinem Vortrag hat Jens Jacobsen mich für den UPA Podcast interviewed.

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6 Antworten

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  1. Jens Jacobsen said, on Juni 4, 2010 at 8:33 vormittags

    Tolle Zusammenfassung, vielen Dank! Bei allen Vorträgen, die ich selbst gehört habe, stimme ich 100% überein.

  2. [...] hat übrigens auch eine sehr gute Zusammenfassung der Konferenz [...]

  3. [...] zum Beitrag Die Usability-Branche im Umbruch Eintrag merken [...]

  4. [...] Sicht von Arne Kittler, der Websites für große Marken betreut – spricht mir aus der Seele: http://arnekittler.wordpress.com/2010/05/30/upa2010-die-usability-branche-im-umbruch/ Eintrag merken [...]

  5. Janina Südekum said, on Juni 8, 2010 at 11:26 vormittags

    Vielen Dank für die Zusammenfassung! Zu folgender Thematik:

    “Trotzdem ist die Veranstaltung offenbar für einen breiteren Kreis von Leuten offenbar nicht hinreichend attraktiv genug, was sich z.B. darin äußert, dass trotz thematischer Relevanz nur eine Handvoll Vertreter der einschlägigen Interactive-Agenturen teilnehmen.”

    Ein ganz banaler Grund, warum viele vielleicht nicht teilgenommen haben: Es ist einfach zu teuer.

  6. […] Sicht von Arne Kittler , der Websites für große Marken betreut – spricht mir aus der […]


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