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TEDx Berlin Rückblick

Posted in Fachliches by arnekittler on Dezember 2, 2009

Am 30.11. fand die TEDx Berlin statt, ein unabhängiger Ableger der amerikanischen TED-Konferenz. Während TEDx anderenorts z.T. offenbar eher als eine Art Public Viewing im Billiardkeller durchgeführt wird (und auch das ist unter gewissen Gesichtspunkten im Sinne der TED-Macher), war TEDx Berlin als eines der bisher professionellsten Events angelegt: 400, ausschliesslich geladene Gäste im Hyatt Hotel und allerlei große Namen auf der Bühne und im Publikum. Ich hatte im Vorfeld etwas Sorge, dass meine hohen Erwartungen nicht eingelöst werden würden, fand die Veranstaltung insgesamt aber wirklich sehr gut und habe die Reise nach Berlin definitiv nicht bereut. Die Organisation lief absolut reibungslos und dennoch in entspannter Atmosphäre, die langen Pausen wurden für Netzwerken (aber ohne Visitenkarteneinsatz) genutzt und die gute Vorbereitung der meisten Redner (anscheinend inkl. Präsentationscoaching) wirkte sich auch sehr angenehm auf die Qualität der Beiträge aus. Kompliment an Red Onion für die gute Organisation.

Die Zusammenstellung des Programms als Mix aus relativ wenigen Technologie-Themen und vielen sozial motivierten Themen/Projekten empfand ich als gelungen und sinnvoll. Ich denke, das Potenzial einer solchen Veranstaltung liegt auch eher darin, für unbequemere/sperrige Themen zu sensibilisieren – aufregende Technologie- und Design-Präsentationen guckt man sich im Zweifelsfall dann doch freiwilliger auch in anderem Rahmen wie z.B. per Video an.

Die Videos der Vorträge werden in Kürze sicher online gestellt, hier vorab schonmal meine Eindrücke in kurz:


Erik Spiekermann: Redesigning Design

Ich habe die Präsentation als Apell verstanden, als Designer aus der micro-box heraus zu denken und bei aller Begeisterung für Detailfragen vor allem auch Lösungen im größeren Kontext anzustreben. Als Beispiele zeigte er Apple und eine US-Bank, die die Tendenz vieler Amerikaner, Haushaltsrechnungen beim Online-Banking aufzurunden für ein erfolgreiches (und in den USA ansonsten schwer zu vermittelndes) Spar-Prinzip genutzt hat. Trotz der sehr souveränen und klaren Präsentation im Rückblick eher einer der unauffälligeren Vorträge.

Noa Lerner: X-runner. Sanitation Social Business.

Ausgehend von einer eindrucksvollen Darstellung der Notwendigkeit besserer sanitärer Einrichtungen für Milliarden Menschen zeigte Nora Lerner ein Projekt, daß weit über das Produktdesign einer mobilen Toilette für Armenviertel hinausgeht und einen einigermassen geschlossenen Kreislauf inkl. Verwertung der Fäkalien für die Energiegewinnung anstrebt. Notiz am Rande: 300g Exkremente bedeuten 30 Minuten Licht…

Gustavo Morales: Palomar5 – Prototyping the Future of Work
Vorstellung eines Projekts, daß über eine Art temporärer Arbeits/Lebens-Kommune neue Formen lebenswerten Arbeitens geprobt hat. Das sah insgesamt nach einem für die Teilnehmer gelungenen Projekt aus, für mich selbst konnte ich aus dem Vortrag nicht viel mitnehmen.


Benyamin Nuss: Video Games Music for Piano

2 Klavierstücke basierend auf der Musik von Final Fantasy (??). Schön gespielt, aber musikalisch relativ weich.

Ralf Schmerberg: Who is Independent in the 21st Century

Einer von mehreren „Aussteiger-Vorträgen“ auf der Konferenz. Schmerberg beschrieb seinen Sinneswandel vom erfolgreichen Werbefilm-CD über immer noch inhaltlich durch Geldgeber kompromittierte Versuche als NGO hin zu einem weitgehend unfinanzierten Prinzip, Filme zu gesellschaftlichen Themen zu drehen. Die vorgestellte Konsequenz und die Schlussfolgerung, dass man nur durch einen Verzicht auf Finanzierung/Sponsoring o.ä. komplett frei arbeiten kann leuchtet mir ein. Ich frage mich aber ob und für wie viele es wirklich sinnvoll in Frage kommt dies nicht nur als Projekt- sondern als Lebensmodell zu begreifen und in wie weit ein solches Modell auch für kreativschaffende in Frage kommt, die bevor sie ihre Ansprüche bewusst reduzieren nicht zumindest einige Jahre erfolgreicher und lukrativer Berufstätigkeit (wie in Schmerbergs Fall) hinter sich haben. Aufgrund der parallel gezeigten Videos ein sehr anstrengender und für meinen Geschmack zu selbstgefälliger Vortrag.

David Logan: Tribal Leadership
Der erste von insgesamt 3 Videoeinspielern der echten TED-Konferenz. Einige Interessante Gedanken zu verschiedenen Ebenen von Tribalism in unserer heutigen Gesellschaft (Tenor: Life Sucks > My Life Sucks > I’m Great (and you are not) > We are great > Life is great) und dazu wie man mit Leuten anderer Tribe-Ebenen kommuniziert („tribes only hear one level above and below their own level“) und wie man eine „Triadic Experience“ schafft, indem man Leute, die sich noch nicht kennen einander vorstellt.
Dieses Thema wurde dann in der Pause auch dankbar als Aufhänger für Gespräche genutzt…

Heather Cameron: Boxgirls International: Courage Wins
Vorstellung eines Projekts das zunächst Mädchen aus Berliner Brennpunkt-Vierteln zum Boxen gebracht hat und sie so für ihre feindliche/bedrohliche Umgebung stärkt. Anschliessend wurde das Projekt auch nach Afrika weitergetragen und dort offenbar auch sehr erfolgreich in Armenvierteln eingesetzt. Ein gutes Projekt – was mir allerdings übel aufstiess war ein Video, bei dem ein afrikanisches Mädchen für meinen Geschmack zu sehr instrumentiert wurde, um den moralischen Überbau des Projekts als persönliches Teilnehmerstatement zu unterstreichen. Das hätte m.E. echt nicht nötig getan, denn die weniger choreographiert wirkenden kürzeren Statements vorher waren ebenso eindrucksvoll.

Fabian Hemmert: Phones That Touch Us
Schöner kompakter 5-Minuten Vortrag. Fabian Hemmert experimentiert mit Möglichkeiten, Mobiltelefon-Hardware neue Real-Welt-Qualitäten einzuhauchen:

  • Gewicht/Schwerpunktverlagerung zum Leiten der Aufmerksamkeit auf die Position des Placemarks in Map-Anwendungen.
  • Situative Änderungen der Gehäuseform (z.B. kompakt in der Tasche, Rampenförmig beim Lesen)
  • Stärkung der Beziehung von Gerät und Nutzer durch Lebensähnliches Verhalten des Gerätes (z.B. subtiler Herzschlag)

Reto Wettach: Bodies & Secrets. Toward a Democratization of Hardware
Ein paar interessante Überlegungen zur Verbesserung von Hardware und Computernutzung durch Realwelt-Analogien und mehr Körperlichkeit: z.B. einem bewussten Einsatz von Risiko als Aufmerksamkeits-Treiber oder einer Erhöhung der Sichtbarkeit von Prozessen analog zu Fluglotsen, die offenbar immer noch jeden Flug über einen dedizierten Papierstreifen repräsentieren und diesen im Falle von Übergaben auch physisch übergeben statt den Auftrag nur „forzuwarden“ o.ä.


Christophe F. Maire: Connected Reading

Einer der schwächeren Vorträge über Veränderungen der Lesegewohnheiten durch Kindle und Co. Interessant fand ich die angedeuteten Implikationen von „connected reading“ z.B. in der akademischen Gruppenarbeit an Texten.

Pattie Maes: The 6th Sense
Videoeinspielung einer schon etwas älteren aber immer noch tollen Präsentation zu projezierten, gestengesteuerten interaktiven Umhängedisplays als „nahtloser Zugang zu relevanter Information“. Sehr zu empfehlen:


Bernd Kolb: Club of Marrakesh

Ein weiterer Aussteiger-Vortrag über Kolbs Bemühungen um ein zeitgemässes Pendant zum Club of Rome. Es mag am Hunger gelegen haben, aber irgendwie hat mich der Vortrag nicht sonderlich beeindruckt. Die Kurve am Ende des Vortrags bis hin zu Kolbs neuer Werbeagentur fand ich überflüssig.

Nach der langen Mittagspause ging es mit einer weiteren älteren aber tollen Videoeinspielung weiter:
Hans Rosling: The Best Stats You’ve Ever Seen
Rosling ist Statistikprofessor und bemüht sich darum, dass alle großen Organisationen wie die UN ihre Statistikdaten frei verfügbar machen und auf eine auch für Nicht-Statistiker relevante Art aufbereiten. Eine mitreissende Präsentation in der er im Zeitraffer animierte Datenvisualisierungen zu Kindersterblichkeit, wirtschaftlichem Wachstum o.ä. mit der Dynamik eines Fußballradiokommentars kommentiert. Ein tolles Beispiel für die Kraft guter Informationsvisualisierung:

Peter Eigen: Grand Corruption & Petty Corruption – Fighting Them Through Civil Society
Ein beeindruckender Vortrag über Eigens Arbeit mit Transparency International und die Problematik von „foreign bribery“. Neben den Inhalten fand ich es toll zu beobachten wie klar und pointiert Eigen komplett ohne Powerpoint und Co präsentierte.

Ensemble Kaleidoskop: Minard/Nithsdale, composed by Jennifer Walshe
Neue Musik für Streichquartet mit Ploppgeräuschen. Für meinen Geschmack war das Stück zu lang und die Darbietung zu verkrampft. Ich finde es schade, wenn junge, smart und sympatisch wirkende Ensembles wie Kaleidoskop die Möglichkeit vergeben, Neue Musik mal frischer, zugänglicher und ohne den typischen abgehobenen Habitus typischer E-Musik-Darbietungen zu spielen.

Bernard Lietaer: Why this crisis? And what to do about it?
Eine sehr interessante Präsentation über „complementary currencies“ als Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit bedingt durch problematische Zahlungskonditionen kleiner und mittelgroßer Betriebe (->müssen Lieferanten schnell zahlen, bekommen eigene Zahlung wesentlich später). Leider habe ich die entscheidende Folie auf der Lietaer die Mechanik erklärte nicht verstanden und werde auf jeden Fall nochmal nachrecherchieren wie es nun genau funktioniert.

Till Behnke: The Web of Trust
Am Anfang des Vortrags mit einigen Allgemeinplätzen zur Auswirkungen von Social Media, 6 degrees of separation etc. hatte ich noch Zweifel, dass dieser letzte Vortrag der Veranstaltung noch was wird. Im weiteren Verlauf wurde daraus aber ein wirklich überzeugender und persönlich geprägter Vortrag über Behnkes betterplace.org Netzwerk – und dann machten auf einmal auch die 6 (bzw. 4) degrees zwischen Behnke und David Hasselhoff wieder Sinn.

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Eine Antwort

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  1. Ch said, on Dezember 2, 2009 at 10:51 pm

    „Penny Savings“ – IDEO für Bank of America. Besorg Dir unbedingt „Change by Design“ von Tim Brown. Und ich geb dir mal „Objectified“, den Film, da kommt das auch vor.


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